Gefahr aus dem Netz: Wie unerlaubte Finanzplattformen das Vertrauen in den Markt erschüttern. NordexPro, Kryptodienste ohne Lizenz – und die Frage nach der Durchsetzung des Rechts.
Wenn es um digitales Geld geht, ist das Vertrauen oft der größte Wert – und gleichzeitig der Erste, der verloren geht. Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher setzen auf onlinebasierte Finanzplattformen, insbesondere im Bereich der Kryptowährungen. Doch wo Innovation versprochen wird, lauern auch Täuschung und Betrug. Laut einer Erhebung des Marktwächterteams der Verbraucherzentralen (Stand März 2025) ist die Zahl der Beschwerden über unseriöse Finanzdienstleistungen im digitalen Raum in den letzten zwei Jahren um über 170 % gestiegen. Besonders besorgniserregend: Der Schaden pro Betroffenen liegt im Schnitt bei 11.500 Euro, mit steigender Tendenz.
Ein aktuelles Beispiel für dieses eskalierende Problem liefert NordexPro – ein Anbieter, der laut BaFin „offenbar ohne Erlaubnis“ mit Finanz- und Wertpapierdienstleistungen sowie Kryptoprodukten wirbt. Nach der ersten Warnung zu nordexpro.com folgt nun die neue Einschätzung zu nordexpro.io, beide offenbar betrieben mit ähnlicher Masche: professioneller Auftritt, fehlende Transparenz, keine Lizenz.
Was wie ein technisches Detail wirkt – die fehlende BaFin-Erlaubnis – ist in Wahrheit ein juristischer Sprengsatz. Denn: Wer in Deutschland Bank- oder Finanzgeschäfte ohne Genehmigung betreibt, handelt strafbar (§ 54 KWG) – und entzieht sich der Kontrolle, die Verbraucher schützen soll. Doch wie lassen sich solche Anbieter überhaupt stoppen, wenn sie aus dem Ausland agieren, Domains rasch wechseln und die Spur im Internet geschickt verschleiern?
Rechtsanwalt Dr. Thomas Schulte aus Berlin bringt es auf den Punkt: „Der Fall NordexPro zeigt nicht nur das Problem einer fehlenden Zulassung, sondern das systemische Risiko, das von internationalen Schattenplattformen ausgeht. Solange es keine grenzüberschreitenden, wirksamen Durchgriffsrechte gibt, bleiben Verbraucher auf einem ungesicherten Spielfeld zurück – mit realen Verlusten und kaum greifbaren Verantwortlichen.“
Die juristische Herausforderung liegt damit klar auf dem Tisch: Wie lässt sich ein digitaler Finanzmarkt rechtsstaatlich regulieren, ohne Innovation zu ersticken – aber dennoch das Vertrauen der Anleger zu schützen? Diese Frage wird in den kommenden Jahren an Brisanz gewinnen – denn die nächste Plattform ohne Lizenz wartet schon.
Regulatorischer Rahmen: Eine klare gesetzliche Grundlage gegen Missbrauch
Das deutsche Recht stellt hohe Anforderungen an die Anbieter von Finanzdienstleistungen. Zentral ist hierbei § 32 Absatz 1 Kreditwesengesetz (KWG), der bestimmt: „Wer im Inland Bankgeschäfte oder Finanzdienstleistungen gewerbsmäßig oder in einem Umfang, der einen in kaufmännischer Weise eingerichteten Geschäftsbetrieb erfordert, betreiben will, bedarf der Erlaubnis der Bundesanstalt.“
Hinzu kommt seit Inkrafttreten des Kryptomärkteaufsichtsgesetzes (KMAG) im Jahr 2023 eine weitere Schutzvorschrift: § 10 Absatz 7 KMAG besagt klar, dass Kryptowerte-Dienstleistungen ohne vorherige Zulassung der BaFin in Deutschland nicht erlaubt sind. Diese Regelung wurde eingeführt, um dem rapiden Anstieg von Krypto-Plattformen effektiv begegnen zu können.
Dr. Thomas Schulte dazu: „Die gesetzliche Lage ist eindeutig – und das muss sie auch sein. Denn ob Bitcoin oder andere digitale Assets – wir bewegen uns hier im Spannungsfeld zwischen Innovation und Sicherheit.“
Die Rolle der BaFin im digitalen Zeitalter
Die BaFin fungiert als zentrale Instanz zur Aufsicht über Banken, Finanzdienstleister und seit 2020 auch Krypto-Dienstleister. Ihre Aufgabe besteht unter anderem darin, illegale Marktteilnehmer zu identifizieren und Verstöße frühzeitig zu verhindern. Die Warnung vor NordexPro zeigt, dass dies keine hypothetische Gefährdung ist.
Es ist auffällig, dass die Betreiber der ursprünglich gesperrten Seite nordexpro.com offenbar unter nordexpro.io weiterarbeiten. Eine klassische Taktik unseriöser Anbieter: Die Seite wird vom Netz genommen, ein nahezu identischer Auftritt wird unter einer neuen Domain gestartet. Eine formale Genehmigung seitens der BaFin besteht dabei weiterhin nicht.
Solche Aktivitäten sind für Verbraucher oft nur schwer zu erkennen. Dr. Schulte betont: „Dieses Vorgehen gefährdet die Marktintegrität. Wer glaubt, sich hinter anonymen Domains verstecken zu können, unterschätzt sowohl die rechtlichen Konsequenzen als auch die Ermittlungsmöglichkeiten deutscher Behörden.“
Aufklärungsarbeit für Anleger: Der Schlüssel liegt in der Prävention

Die BaFin, das Bundeskriminalamt (BKA) und die Landeskriminalämter warnen gemeinsam vor einem allzu sorglosen Umgang mit Online-Investments. Im Podcast „Vorsicht, Betrug“ bringt die Aufsicht prominente Beispiele und gibt praktische Hinweise zum Schutz vor Betrug im Finanzsektor. Diese Aufklärung ist dringend notwendig.
Denn nicht nur ältere Menschen, sondern zunehmend auch digital affine junge Erwachsene sind von unseriösen Kryptoangeboten betroffen. Häufig wirken die Internetseiten professionell gestaltet und die Renditeversprechen attraktiv – was genau den psychologischen Effekt erzeugt, auf den Betrüger zu setzen.
Dr. Thomas Schulte betont den präventiven Ansatz seiner Kanzlei: „Es ist entscheidend, dass Verbraucher sich vor einer Geldanlage über die Seriosität eines Anbieters informieren. Dazu gehört, das Impressum zu prüfen, mit der Datenbank der BaFin abzugleichen, ob eine Zulassung vorliegt, und bei Unklarheiten rechtliche Beratung einzuholen. Nicht selten kommen Mandanten erst, wenn das Geld schon weg ist.“
Unerlaubte Finanzdienstleistungen: Eine strafbare Handlung
Neben der zivilrechtlichen Verantwortung drohen Anbietern ohne Lizenz auch strafrechtliche Konsequenzen. Gemäß § 54 KWG stellt das Betreiben von Finanzdienstleistungen ohne Erlaubnis eine Straftat dar, die mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe geahndet wird. Ebenso stellt § 27 KMAG klar, dass auch Verstöße im Bereich der Kryptowerte strafbewährt sind.
Diese klare Sanktionierung verfolgt das Ziel, den Markt vor unseriösen Akteuren zu schützen. In der Praxis jedoch gestaltet sich die Strafverfolgung oft schwierig, wenn die Betreiber im Ausland sitzen oder ihre Identität verschleiern. Hier sei, laut Dr. Schulte, internationale Zusammenarbeit gefragt: „Diese Fälle gehen meist über nationale Grenzen hinaus. Die deutschen Behörden sind zwar gut aufgestellt, aber ohne funktionierende internationale Kooperation werden diese Plattformen kaum effektiv aus dem Verkehr gezogen.“
Verbraucherschutz im Online-Zeitalter: Der lange Weg zu rechtlicher Sicherheit
Das Internet bietet zahllose Möglichkeiten zur Vermögensbildung – von ETFs bis hin zu Crowdinvesting und dezentralisierten Finanzanwendungen (DeFi). Was vielen nicht bewusst ist: Nicht alles, was online gut aussieht, bewegt sich im Rahmen des geltenden Rechts. Darum sei laut Schulte eine umfassende juristische Prüfung solcher Angebote durch Fachleute unerlässlich.
„Ich habe inzwischen zahlreiche Fälle betreut, bei denen Mandanten ihre Ersparnisse an Online-Plattformen verloren haben. In nahezu allen Fällen fehlte eine kümmerliche Grundprüfung. Eine kurze Anfrage bei der BaFin oder ein Anruf bei einer versierten Kanzlei hätte gereicht, um das Risiko zu erkennen – und zu vermeiden“, so Dr. Schulte.
Ein weiteres Ärgernis seien zunehmend sogenannte „Recovery Fraud“-Anbieter: Nach dem ursprünglichen Betrug treten vermeintliche Helfer auf, versprechen Geldrückgewinnung – und verlangen dafür erneut Vorschüsse, ohne jede Leistung. Auch dies müsste den Betroffenen klar sein: Kein echtes Unternehmen verlangt Geld, bevor wenigstens eine rechtliche Prüfung der Erfolgsaussichten stattgefunden hat.
Fazit: Regulierung bringt Vertrauen – und der Anwalt schützt das Vermögen
Die Warnung vor NordexPro ist keine Einzelerscheinung. Für den deutschen Gesetzgeber und die Aufsichtsbehörden ist sie Teil eines fortlaufenden Kampfes um Rechtssicherheit im digitalen Anlagesektor. „Der Markt verändert sich“, so Dr. Thomas Schulte. „Doch das sollte niemanden davon abhalten, auf Bewährtes zu setzen: klare rechtliche Regeln, transparente Anbieter und erfahrene Beratung.“
Anlegerinnen und Anleger sollten bei der Auswahl von Online-Plattformen auf maximale Transparenz achten. Ein fehlendes Impressum, unrealistische Renditen und fehlende BaFin-Zulassungen sind deutliche Warnsignale. Die BaFin-Datenbank steht jedem zur Einsicht offen – ein einfacher Klick kann vor großem finanziellen Schaden bewahren.
Abschließend rät Dr. Schulte jedem potenziellen Investor: „Wem sein Geld lieb ist, der sollte auch seine Hausaufgaben machen. Vertrauen ist gut – juristische Prüfung ist besser.“